Abbau von Ressourcen - Abbau von Rechten

ForE 4-1998

Soziale Arbeit agiert zur Zeit unter problematischen und widersprüch­lichen Bedingungen. Sie ist einerseits herausgefordert durch einen im­mensen Hilfe-, Pflege-  und Unterstützungsbedarf aufgrund anhaltender Massenarbeitslosigkeit, steigender Armut und fragiler Familienverhält­nisse. Sie sieht sich zugleich diskreditiert durch einen neoliberalen 'Käl­testrom' von 'Jeder-ist-seines-Glückes-Schmied'-Ideologien, die vor den demoralisierenden Wirkungen sozialstaatlicher Alimentierung war­nen, eigentlich aber nur eine Reprivatisierung sozialer Risiken vo­ran­zutreiben suchen. Und schließlich wird sie, hier insbesondere die Jugendhilfe, aufgefordert, im Sinne der alten Fürsorgeerziehung Flagge zu zeigen im Umgang mit 'schwierigen' Jugendlichen, gedacht wird dabei offensichtlich an so innovative pädagogische Methoden wie Be­strafung und Einsperren.

Bewusst reflektiert und systematisch einbezogen werden diese bedrüc­kenden Randbedingungen wenig. Ich habe den Eindruck, daß wir ge­rade in der Jugendhilfe eher die Köpfe einziehen und versuchen, mit immer mehr Fachlichkeit, neuen Steuerungsinstrumenten etc. unter immer schlechteren Bedingungen arbeiten. Aber was nutzt es, wenn wir einer Jugendlichen mit einer fachlich guten pädagogischen Betreuung zu etwas innerer Stabilität und einer Berufsperspektive verhelfen, und mit 18 oder 19 Jahren bekommt sie weder Anschlußhilfen noch einen Ausbildungsplatz? Was nutzen alle Qualifizierungsbestrebungen (aus­getüftelte QM-Systeme, gute Hilfeplan-Methodik, Verwaltungsrefor­men etc.), wenn Haushalte gedeckelt werden und Hilfeentscheidungen contra legem vom Landrat abgesegnet werden müssen.

Notwendig ist eine Sensibilisierung für die politischen Rahmenbedin­gungen der sozialpädagogischen Arbeit, eine (Re-?)Politisierung unse­res professionellen Handelns. Hierzu gehört, sich erst einmal einen Ein­druck zu verschaffen, wie es um die Ressourcen tatsächlich steht, wel­che (rechtsrelevanten) Praktiken und Zwänge vor Ort festzustellen sind. Es geht also zunächst um ein Stück Empirie. Dies soll in diesem Heft versucht werden.

Da es hinsichtlich rechtswidriger Hilfeentscheidungspraktiken noch nirgends eine systematische Sammlung gibt, ist die Redaktion des "Forum Erziehungshilfen" bereit, Rück­meldungen zu diesem Thema in gebündelter Form zu veröffentlichen und damit die entsprechenden Kommunen öffentlich und ansprechbar zu machen. Die IGfH könnte dann z.B. die entsprechenden Kommunen und Jugendhilfeausschüsse anschreiben und darauf hinweisen, daß diese Regelungen eindeutig rechtswidrig sind. Schon in der Kommentierung von Wiesner zu § 36 (RZ 49) wird zu dieser Frage eindeutig Stellung genommen: "Gelegent­lich berichtete Praktiken, nach denen sich aus fachfremden Erwägun­gen Vorgesetzte (Abteilungsleiter, Jugendamtsleiter, Dezernenten oder Landräte) ein generelles Letztentscheidungsrecht vorbehalten, sind mit den Grundsätzen der Hilfeplanung nach ' 36 nicht vereinbar und des­halb rechtswidrig."

Zu den Beiträgen:

Norbert Struck untersucht anhand der Bundesstatistik sowie den Ergeb­nissen einer neuen Studie des Deutschen Jugendinstituts das Verhältnis von Ressourcen, Leistungen und Rechten. Ein Fazit: 'Ohne die Wie­derbelebung grundlegender sozialer und kultureller Rechte und gesell­schaftlicher Perspektiven junger Menschen ist die Jugendhilfe struktu­rell überfordert und kann bei steigendem Problemdruck den steigenden Erwartungen an ihre Leistungsfähigkeit selbst mit wachsenden Res­sourcen nicht gerecht werden.'

Ulrich Bürger stellt zentrale Ergebnisse einer Studie aus dem Schwäbi­schen vor, die den Einfluß sozialstruktureller Bedingungen auf den Bedarf an Jugendhilfeleistungen untersuchte. Ein wichtiges Ergebnis sei, daß sozialstrukturellen Faktoren die zentrale bedarfsgenerierende Bedeutung zukomme.

Schließlich wird eine Verfügung der bezirklichen Jugendbehörde Hamburg-Wandsbek dokumentiert, in der für das Jahr 1998 pauschale Kürzungen vorgesehen werden. Was wird wohl aus dem Rechts­an­spruch auf individuell notwendige und geeignete Hilfe, wenn in Wands­bek im Oktober 1998 die dekretierte Fallzahl bereits erreicht ist?

Wolfgang Trede

 

 

Aus dem Inhalt

Georg Landenberger:
Wir brauchen mehr soziale Gerechtigkeit und keine neue Ost-West-Debatte

Norbert Struck:
Abbau von Ressourcen - Abbau von Rechten?

Ulrich Bürger:
Die Bedeutung sozialstruktureller Bedingungen für den Bedarf an Jugendhilfe-leistungen - Forschungsergebnisse und fachpolitische Konsequenzen

Yvonne Steindamm:
Hilfe - die Jugendhilfe!!!

Sabine Lotze:
Straßenkinderforum in Warschau - eine Reisenotiz

AFET , EREV , IGfH und katholischem Fachverband:
Jugendhilfe: Hilfe, nicht Strafe! Stellungnahme zur Debatte um Jugendkriminalität

Mathias Schwabe:
Konfrontieren, Kontrollieren, Grenzen setzen: `Dirty Work` oder unverzichtbare Elemente einer alltagsorientierten Erziehungshilfe?

Werner Freigang:
Wissen, für wen wir etwas tun ... - Erwiderung auf den Beitrag von M. Schwabe

Ulrike Bavendiek:
Zur Situation und Perspektiven der Tagesgruppen - Rückblick und Ausblick anlässlich der 11. Bundestagung Tages­gruppen

Erscheinungsjahr
1998
Ausgabe
4
Sammelband
Nein
Ausgabe Jahr
1998