ForE 2/01 Debatte um Mädchenarbeit

Aus dem Inhalt

Norbert Struck:
www.staat-modern.de

Monika Weber:
Gender, Dekonstruktion, Individualisierung ... !? Neue Begriffe, aktuelle Debatten und Perspektiven der Mädchenarbeit

Barbara Stiegler:
Wenn Gender das Mädchen schluckt B Gender Mainstreaming und die Mädchenarbeit

Anna Pohl:
Gleichberechtigte Berücksichtigung von Mädchen als Amtsziel - Zu den Möglichkeiten struktureller Verankerung von Mädchenarbeit

Claudia Daigler, Margarete Finkel:
Ein-Blicke: Zum Stand der Mädchenarbeit in den Erziehungshilfen B Erfahrungen aus einem Qualifizierungsprojekt mit Praktikerinnen

Robert Soisson:
Jugend-Hilfe - Jugend-Strafe. Zum Umgang mit Jugenddelinquenz in Europa

Christine Tuschinsky:
Interkulturelle Fortbildung in der Jugendhilfe: Bedingungen, Hindernisse, Ressourcen

Herbert Wiedermann:
Neue kooperative und integrative Jugendhilfeprojekte in Hamburg

 

Schwerpunktthema: Debatte um Mädchenarbeit

Ein neues Schlagwort macht die Runde und scheint Bewegung in die Jugendhilfe zu bringen, genauer: in jenen Teil, der sich als Mädchenarbeit gerade mühselig zu etablieren beginnt. `Gender MainstreamingA ist eine auf der 4. Weltfrauenkonferenz in Peking 1995 erschaffene (wirklich unübersetzbare) Strategie für politisch handelnde Institutionen, Geschlechterfragen zukünftig als Querschnittsthema bei allen politischen Maßnahmen mit zu berücksichtigen, um so zu einer größeren Chancengleichheit der Geschlechter beizutragen. 1997 wurde Gender Mainstreaming als gemeinsames europäisches Politikprinzip im Amsterdamer Vertrag verankert, 2001 findet sich Gender Mainstreaming in den Förderrichtlinien des Kinder- und Jugendplans des Bundes. So wie das Prinzip nun aber in ein bundesdeutsches Förderprogramm eingesickert ist, scheint es gegen sein eigentliches Anliegen, Frauenpolitik auf eine breitere Basis und damit zum Durchbruch zu verhelfen, geradezu verkehrt zu werden im Sinne von: `Wir machen jetzt nicht mehr Mädchenförderung, sondern Gender MainstreamingA. Was mit Gender Mainstreaming gemeint ist, wie diese Strategie sinnvoll zur Anwendung kommen kann, und welches Prüfkriterien sind, die eine missbräuchliche Nutzung der Gender-Strategie kenntlich machen, wird im Beitrag von Barbara Stiegler erläutert.

Nicht nur mit dem Verweis auf Gender Mainstreaming wird derzeit der Ansatz einer parteilichen Mädchenarbeit zum alten Hut erklärt. Vor allem ausgelöst durch die Veröffentlichungen der wissenschaftlichen Begleitung des Bundesmodellprogramms `Mädchen in der JugendhilfeA wird ein radikaler Kurswechsel in der Mädchenarbeit gefordert (vgl. z.B. Dorit Meyer/Gerlinde Seidenspinner: Mädchenarbeit - Plädoyer für einen Paradigmenwechsel. In: AGJ (Hg.): Jubiläumsband zum 50jährigen Jubiläum. Bonn 1999). In Zeiten gesellschaftlicher Individualisierungsprozesse verliere die Kategorie Geschlecht an Bedeutung bzw. differenziere sich erheblich, mit ihrer ausschließlichen Fokussierung auf mädchenspezifische Angebote zementiere die feministisch inspirierte Sozialarbeit geradezu jene Geschlechtsrollenstereotype, die sie überwinden wolle. Außerdem wollten Mädchen heutzutage nicht mehr auf besondernde Angebote verwiesen sein und bräuchten diese auch nicht mehr.

Erleidet also die Frauenbewegung ggf. das Schicksal vieler sozialer Bewegungen, dass nämlich die Dinge, die sie erkämpft hat, "normal" werden, von Mädchen mehr oder weniger selbstverständlich genutzt - oder auch abgelehnt werden? Im einleitenden Beitrag von Monika Weber wird diese Debatte zunächst referiert, dann aber m.E. überzeugend dargestellt, wie erheblich die strukturellen Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern nach wie vor sind, und wie entsprechend wichtig auch zukünftig eine gezielte Förderung von Mädchen ist.

Dies bestätigen auch die Beiträge von Anna Pohl sowie von Claudia Daigler und Margarete Finkel. Als Leiterin des Münsteraner Jugendamtes schildert Anna Pohl, wie dick die Bretter sind, die bei der konkreten Umsetzung des ' 9 Abs. 3 SGB VIII in einem Gemeinwesen gebohrt werden müssen. Auch die Auswertung eines Fortbildungsprojekts mit Heimmitarbeiterinnen durch Daigler/Finkel zeigt auf, wie vieler konkreter Kommunikations-Orte und Reflexions-Anlässe es bedarf, um mädchen- bzw. geschlechtsspezifische Arbeit möglich zu machen.

Eine ihrer Schlussfolgerungen sollte uns zum Weiterdenken anregen: Mädchenspezifische Arbeit wird immer wieder in Frage gestellt werden, solange eine qualifizierte, reflektierte Arbeit mit Jungen nicht vorankommt.

Wolfgang Trede

Verwandte Inhalte: 

2002: Burglinde Retza, Monika Weber (Hrsg.): Mädchen auf der Straße. Im Blick von Jugendhilfe, Forschung und Mädchenarbeit. Frankfurt.

Von den "Straßenkindern" sind auch ein erheblicher Teil Mädchen. Das Leben auf der Straße bringt für Mädchen spezifische Anforderungen und Problemkonstellationen mit sich. Während sich in der Straßenkinderforschung erst langsam ein geschlechtsdifferenzierter Blick durchsetzt, hat die Praxis zeitnah auf die spürbar unterschiedlichen Lebenswelten von Mädchen und Jungen reagiert.

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