ForE 1/03 Mädchen im Sozialraum

Aus dem Inhalt

Norbert Struck:
Auf in die nächste Legislaturperiode. Ein Kommentar

Claudia Daigler,Hannelore Häbel, Mechthild Wolff:
Mädchen und jungen Frauen im Sozialraum. Fragen, Problemanzeigen und Perspektiven eines interdisziplinären Themas.

Ursula Nissen:
Öffentliche (soziale) Räume für Mädchen als Chance politischer Teilhabe

ChristineBauhardt:
Stadtplanung, Geschlecht, Sozialraum. Überlegungen zu ungeklärten Verhältnissen aus der Perspektive der räumlichen Planung

Christine Utecht:
Stadtteilorientierte interdisziplinäre Netzwerke zur Ausgestaltung einer mädchengerechten Jugendhilfeplanung

Bob Spalding, Nicole Kastirke:
Soziale Inklusion: Angebote von Schulen und außerschulischen Einrichtungen in Liverpool/UK.

Rüdiger Pieper:
Aufnahme finden, sich aufgehoben fühlen: Die Stationäre Familienhilfe

Bernd Torbicki, WolfgangWitt, Thomas König, Ulrich Weber, Irene Blechle:
Ein Greifswalder Verein macht "Schule"- Vom Modellprojekt Arbeiten und Lernen zur Vision der genehmigten Ersatzschule

 

Schwerpunktthema: Mädchen im Sozialraum

Die Debatte der letzten Jahre über sozialräumliche Ansätze in den Erziehungshilfen, die gerade auch in dieser Zeitschrift intensiv geführt wurde, hat die Geschlechter-Perspektive, also die Frage, was Sozialraumorientierung für Jungen, und was sie für Mädchen bedeutet, fast gänzlich vernachlässigt. Dabei müsste die in der Sozialraum-Konzeption angelegte Bedürfnis- und Beteiligungs-Orientierung den geschlechterdifferenzierenden Blick eigentlich nahe legen. Hinzu kommt die durch vielfache Forschung belegte Erfahrung eines geschlechtsspezifisch sehr unterschiedlichen Raum-Verhaltens: Mädchen halten sich weniger als Jungen in öffentlichen Freiräumen auf, während institutionalisierte öffentliche Räume, also z.B. Kurse oder Vereine, von Mädchen und Jungen in etwa gleichem Umfang aufgesucht werden (vgl. im Näheren die Beiträge von Nissen und Bauhardt in diesem Heft). Es ist mit Blick auf die geschlechtsspezifische Zugänglichkeit und Attraktivität eines Hilfeangebotes also hoch bedeutsam, welche konkrete Ausgestaltung Sozialraumarbeit annimmt, vor allem, ob sie jene geschlechtsbezogene Sensibilität entwickelt hat, die Voraussetzung für eine nicht-ausgrenzende Jugendhilfe ist.

Neben dem mehr inhaltlichen Diskussions-Nachholbedarf, der in diesem Heft im Sinne eines Einstiegs ins Thema geleistet werden soll, gibt es ein hier ebenfalls zu verhandelndes jugendhilfepolitisches Problem: Obwohl sich gender- und sozialraumorientierte Ansätze theoretisch gut vertragen, sind Träger, die geschlechtsspezifische Angebote machen, und dies sind insbesondere Einrichtungen der Mädchenarbeit, praktisch zumeist die looser bei sozialraumorientierten Umsteuerungsprozessen. Weil es sich in der Regel um kleinere Träger handelt, bekommen sie keine Sozialraum-Verträge als hauptverantwortliche HzE-Träger. Und weil sie spezialisierte Anbieter sind, bekommen sie weniger Fälle, denn Spezialisierung oder überregionale Belegung ist verpönt.

Damit kein Missverständnis aufkommt: Die Umsteuerung auf eine integrierte, sozialräumliche Hilfestruktur ist nach wie vor als zentrales fachliches Entwicklungsfeld zu betrachten. Sie muss aber bezogen auf die Geschlechterperspektive (freilich auch in Bezug auf die kulturelle Dimension) qualifiziert werden.

Vor der Gefahr, dass das Kind „Mädchenarbeit“ mit dem Sozialraum-Bad ausgeschüttet werden könnte, warnt der einleitende Beitrag von Claudia Daigler, Hannelore Häbel und Mechthild Wolff. Neben einer Annäherung an das Thema „Sozialraum und Geschlecht“ kritisieren die Autorinnen die machenorts drohenden Standardabsenkungen in der Mädchenarbeit, die geringe Beteiligung der Mädchenprojekte an den kommunalen Planungsprozessen und eine zu befürchtende Aushöhlung von Mädchenrechten. Gefordert wird u.a. eine Quotierung der Budgetmittel für Mädchenarbeit.

Ursula Nissen referiert Erkenntnisse aus der soziologischen Kindheits- und Jugendforschung zum Verhalten von Mädchen und Jungen in öffentlichen Räumen. Da öffentliche Räume auch eine wichtige Rolle in der politischen Sozialisation spielen, fordert die Autorin mehr mädchenspezifische Angebote im öffentlichen Raum, dass Mädchen vor allem stärker die Chance haben, den bislang sehr von Jungen dominierten öffentlichen Freiraum auch für sich als Lernraum nutzen zu können.

Christine Bauhardt berichtet über die feministische Stadtplanungsdebatte. Vielfach sei die Stadtplanung geprägt von der Konzeption des Raums als „Container“, der ingenieurswissenschaftlich „beplanbar“ ist, während relativistische Vorstellungen vom Raum als Lebenswelt, als etwas durch menschliche Interaktion erst Entstehendes, der räumlichen Planung eher fremd sei. Das Sozialraumkonzept solle jedenfalls als Chance für verstärkte transdisziplinäre Kooperationen zwischen Stadt- und Jugendhilfeplanung genutzt werden.

Nach den Erfahrungen von Christine Utecht aus dem Landkreis Tübingen kann die sozialräumliche Umgestaltung der Jugendhilfe dann gute Chancen bieten, für Mädchen „Hilfen nach Maß“ zu gestalten, wenn ein Blick auf die Mädchen mit ihren Bedarfslagen strukturell verankert wird.

Über die notwendige Sensibilisierung für die Geschlechter-Perspektive hinaus scheinen mir die Beiträge auch geeignet, das in den letzten Jahren vielleicht zu pragmatisch verhandelte und auf die ökonomischen Fragen verkürzte Thema Sozialraumorientierung wieder stärker zu theoretisieren und zu pädagogisieren (vgl. hierzu auch den Tagungsbeitrag von Fabian Kessl im Magazin). Wir würden dadurch nicht nur einen neuen, kritischen Blick auf Probleme der Sozialraumorientierung gewinnen, sondern würden u.U. verstehen lernen, warum ihre praktische Umsetzung so schwer gelingt.

Wolfgang Trede

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