ForE 2-2019 „Wer weiß was?“ Wissensdynamiken zwischen Praxis und Forschung

Aus dem Inhalt

Friedhelm Peters: „Der gesunde Menschenverstand...“

Uwe Hirschfeld: Die Gelbgepunktete Brüllkröte in den Sozialwissenschaften

– Ein Essay über unterschiedliche Theorie-Praxis-Annahmen

Thomas Klatetzki: Der Wandel von Wissenspraktiken in den sozialen Diensten und Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe

Eva Dittmann, Heinz Müller: Entwicklungen in der Kinder- und Jugendhilfe durch Praxisforschung gestalten: Chancen und Herausforderungen einer „widersprüchlich-produktiven Verbindung“

Matthias Hamberger: Initiierung kollektiver Lernprozesse - ein pragmatischer Beitrag zur internen Qualitäts-entwicklung in einer Einrichtung der Erziehungshilfe

Friedhelm Peters, Diana Düring: Praxis macht was sie weiß und will

Anna Schmid , Agnés Hegedüs, Sophie B. Hofmann , Andreas Koller: Creating Futures: Partizipative Innovationsentwicklung von Heimen in der Schweiz und Ungarn

Eric van Santen: Kindeswohlgefährdungen in stationären Einrichtungen der Hilfen zur Erziehung – Empirische Ergebnisse

 

Norbert Struck: Zum 2. Diskussionsentwurf des Bundesministeriums für Justiz und Verbraucherschutz zur Reform des Vormundschaftsrechts – ein Überblick für die Praxis der HzE
Vor etwas mehr als einem Jahr berichtete Mirjana Zipperle im ForE (3 (2018), S. 164 f.) über eine AGJ „Themenkonferenz: Praxis trifft Forschung, Forschung trifft Praxis“. Trotz abschließender kritischer Bewertungen der Konferenz – z.B. wurden die langjährigen Erfahrungen der schon bestehenden Praxisforschungsinstitute kaum berücksichtigt – stellte sie heraus, warum der Themenkomplex „Wissenschaft-Praxis-Transfer“ wichtig ist. Die Hoffnung auf die Unterstützung von Professionalisierungsprozessen wurde erwähnt, denn der Transfer von durch Forschung generiertem Wissen soll der Erziehungshilfepraxis, die häufig unter großem Handlungsdruck Entscheidungen treffen muss, bessere Reflexionsfolien und Orientierung geben. Aber auch Fachpolitik braucht Wissen aus Praxis und Forschung zur Entscheidungsfindung und -legitimation, wie wir wieder aktuell in Form der „Dialogrunden“ rund um den SGB VIII Prozess sehen.
 

Aber richtig ist auch, dass die Wissensvermittlung zwischen Forschung und Praxis eher ein „relationaler, offener Prozess“ (Zipperle) ist, der auch durch den Kampf um Deutungshoheiten bestimmt ist. Das ist zumal hervorzuheben, da Fachkräfte in der Praxis der Erziehungshilfen immer auch auf der Grundlage von (nicht immer unbedingt reflektierten) Theorien und Wissenschaftsansätzen agieren, wie z. B. jüngst Michael Behnisch am Beispiel des Umgangs mit Essensregeln im Heim gezeigt hat.  Zugleich deuten, wie Christian Lüders im Forum Jugendhilfe (1/2018., S. 13) schon anmerkte, viele Forschungsergebnisse darauf hin, dass Praxis (nicht nur der Erziehungshilfen) in ihren vielfältigen Formen wissenschaftliches Wissen entsprechend ihren eigenen Logiken nutzt. „Sie übernimmt, verwandelt und pickt heraus, was ihr gerade … in den Kram passt“ (ebenda).

Vor diesen Hintergründen macht im vorliegenden Heft zunächst Uwe Hirschfeld mit unterschiedlichen Annahmen und Grundhaltungen zum Verhältnis von Wissenschaft und Praxis bekannt. Thomas Klatetzki fragt anschließend nach dem Einfluss und der Entstehung von Wissensbeständen, die ihren Ursprung in Interaktionszusammenhängen außerhalb von sozialen Diensten und Einrichtungen haben, aber in die Institutionen wirken. Die Möglichkeiten und Begrenzungen der Praxisentwicklung und Qualitätsentwicklung durch Praxisforschung thematisieren Eva Dittmann und Heinz Müller. Erkenntnisgewinn und praktische Nützlichkeit sollen hier eine widersprüchliche Einheit eingehen, meinen die Autor*innen. Qualitätsentwicklung und die Initiierung von Selbstreflexionsprozessen in Institutionen und Teams ist auch das Thema von Matthias Hamberger, der am Beispiel einer internen systematischen Selbstevaluation in einer Jugendhilfe-Einrichtung der Frage nachgeht, wie Wissen in einer alltagstauglichen Form „im Fluss gehalten werden kann“.

Schließen zeigen Friedhelm Peters und Diana Düring, wie sich die Praxisausgestaltung in der Kinder- und Jugendhilfe durch eine Kombination von Wissenschaft und politischen Entscheidungen in ihrer Ausgestaltung „modernisiert“ und „verengt“. Die Autor*innen machen in diesem Zusammenhang auf die gewachsene Bedeutung des „Transfer- oder Beratergeschäftes“ aufmerksam, dass dies auch zentral private Stiftungen nutzen, zumal Wissen zunehmend nur als relevant und „sichtbar“ eingeschätzt wird, wenn es in neuer, mediatisierter Form vorliegt und entsprechend präsentiert wird.

Deutlich wird insgesamt im vorliegenden Themenschwerpunkt, dass ohne die radikale und breite Beteiligung von Hilfeadressat*innen und organisierten Betroffenenvertretungen in diesem machtstrukturierten Feld der Hilfen zur Erziehung zwischen Forschung – Praxis – Politik kein ernstgemeinter zivilgesellschaftlicher Dialog über die Praxisrelevanz von Forschung beginnen kann.

Josef Koch
Friedhelm Peters

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