ForE 4/07 Familialisierung (be)trifft Mädchen

Aus dem Inhalt

Xenia Spernau, Norbert Struck:
Beteiligung im Sommerloch

Elke Schimpf:
Familialisierung der Jugendhilfe als Zumutung an Mädchen und junge Frauen

Luise Hartwig, Martina Kriener:
Mädchengerechte Hilfeplanung und Familialisierung der Jugendhilfe: ein Widerspruch?

Anja Wilser:
"Ihr macht mich krank" oder: Gesundheitshilfe statt Jugendhilfe für Mädchen mit Familienproblemen?

Claudia Heckes, Claudia Wallner:
Mädchen als stabilisierender Faktor in der Familie?

Friedhelm Peters:
Eine neue Morgenröte am Horizont englischer Heimerziehung und erzieherischer Hilfen? - Das "Green Paper: Care Matters: Transforming the Lives of Children and Young People in Care" - Teil II

Ludwig Salgo:
Erste Eindrücke beim Lesen des Untersuchungsberichts der Bremischen Bürgerschaft zum Tode von Kevin

Michael Behnisch, Susanne Hoffmann, Astrid Weiß:
Die Schulstation Campino. Ein Praxisbericht über die Kooperation von Erziehungshilfe und Schule

DPWV:
Referatsentwurf eines "Gesetzes zur Erleichterung familiengerichtlicher Maßnahmen bei Gefährdung des Kindeswohls" - Stellungnahme

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Schwerpunktthema: Familialisierung (be)trifft Mädchen

Das Thema Familie ist allgegenwärtig: häusliche Pflege alter Menschen, Bedarfsgemeinschaften nach Hartz IV,  Elterngeld, lokale Bündnisse für Familien, Entlastung der Familien durch Ausbau der Kindertagesbetreuung usw. sind Schlagworte, denen man/frau nicht nur in der Sozialen Arbeit regelmäßig begegnet. Familie erscheint dabei oft wie ein Zauberwort und als Lösung vieler mit der Modernisierung des Wohlfahrtstaates einhergehender sozialer Probleme und Bedarfe. Im Sozialleistungsbereich scheint sich diese Option längst in der "Familialisierung" der Hilfe und Unterstützungsleistungen niedergeschlagen zu haben. Auch in der Jugendhilfe zeigt sich dieser Trend.

So ist seit Jahren bei den Hilfen zur Erziehung eine Verschiebung von familienersetzenden hin zu familienunterstützenden bzw. -ergänzenden Angeboten zu beobachten. Eine Entwicklung, die per se zunächst nicht negativ zu bewerten ist. Einräumen muss man aber, dass das System Familie bekanntlich nicht nur ein Ort positiv wirkender Kräfte ist, sondern sich in Familien auch negative Entwicklungsbedingungen für Kinder und Jugendliche niederschlagen. Jugendhilfefachkräfte können somit nicht unhinterfragt auf familiäre Ressourcen zurückgreifen. Voraussetzung für ein gutes Gelingen familienorientierter Hilfen ist vielmehr der geschulte, differenzierte Blick auf die vielfältigen Rahmenbedingungen des Systems Familie als Ort des Aufwachsens von Jungen und Mädchen und deren Bedeutung für die jeweils konkrete Fallgeschichte. Was auch die Beachtung der Gender-Perspektive mit einschließt.

Diese Familialisierung der Jugendhilfe steht allerdings in Gefahr, gerade diese Perspektive zumindest unter dem Aspekt der Förderung von Chancengleichheit von Mädchen zu vernachlässigen, autonome Handlungskonzepte für Mädchen auszublenden und die grundsätzlich immer noch traditionelle familienorientierte Sozialisierung von Mädchen zu verstärken oder sogar als Ressource im Hilfeprozess zu nutzen. Wie sonst ist es zu erklären, dass Mädchen später Hilfen zur Erziehung angeboten bekommen als Jungen, und Jungen länger in Maßnahmen verbleiben als Mädchen? Zeigen sich hier nach wie vor Unterschiede in der Wahrnehmung der Problemlagen von Jungen und Mädchen? Die Frage nach der Benachteiligung von Mädchen durch die Jugendhilfe, die bereits der 6. Jugendbericht 1984 dokumentiert hatte, stellt sich heute wieder neu. Die Autorinnen des Heftes setzen sich mit den Problemlinien des Zusammenwirkens der Familialisierung der Jugendhilfe und der Familienorientierung von Mädchen auseinander und sie machen zudem die aus § 9 Nr. 3 SGB VIII ableitbaren mädchenspezifischen Anforderungen an eine familialisierte Jugendhilfe deutlich.

In ihrem Übersichtsbeitrag skizziert Elke Schimpf die vielfältigen Aspekte, die das Spannungsfeld der Familialisierung von Jugendhilfe und der Familienorientierung von Mädchen ausmachen. Schimpf betrachtet dabei insbesondere die Auswirkungen von Sozialraumkonzepten auf die Unterstützungsleistungen von Mädchen.

Luise Hartwig und Martina Kriener untersuchen den Zusammenhang zwischen der zunehmenden Familialisierung von Jugendhilfe und Prozessen der Hilfeplanung. Um Mädchen die Chance zur Entwicklung autonomer Lebenskonzepte zu eröffnen, bedarf es nach Meinung der Autorinnen als Gegensteuerungsinstrument zur Familialisierung der Jugendhilfe mädchengerechter Konzepte von Hilfeplanung, die die Fallgeschichte jedes einzelnen Mädchens geschlechtsbezogen reflektieren.

Anja Wilser setzt sich mit den psychosomatischen Folgen der Überforderung von Mädchen in Familien auseinander. Mädchen, die mit körperlichen Symptomen auf Problemlagen reagieren, werden i.d.R. eher dem Bereich der Gesundheitshilfe als der Jugendhilfe zugewiesen. Die Autorin formuliert die Anforderung an die Jugendhilfe, den Blick für die geschlechtsbezogenen Hintergründe der Krankheitssymptome von Mädchen zu schärfen.

Claudia Heckes und Claudia Wallner machen anhand von eindrücklichen Fallgeschichten zu den familiären Lebensbedingungen von Mädchen deutlich, in wieweit Bewältigungshandeln von Mädchen in Konfliktlagen mit dem Rückgriff auf bekannte Geschlechtsrollenstereotypen einhergeht und die individuelle Biografie prägt.

Hannelore Häbel und Mechthild Wolff

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