ForE 2/08 Aus der Geschichte lernen?

Aus dem Inhalt

Michael Winkler:
Hat Mitmenschlichkeit in der Sozialarbeit ihren Platz?

Manfred Kappeler:
Heimerziehung in der Bundesrepublik Deutschland (1950 – 1980) und der Deutschen Demokratischen Republik

Elke Meister:
Das Vincenzheim in Dortmund - eine Wiederbegegnung nach 47 Jahren

Norbert Struck.
Heimerziehung heute - mögliche Dialoge mit ehemaligen Heimkindern

Andrian van Breda:
Förderung der "Possible Selves" von Township Kindern in Südafrika

Jürgen Blandow:
Was nicht geht und wie es gehen könnte. Ein Essay über Best Practice im Pflegekinderbereich

Norbert Struck:
Betriebserlaubnis vom anderen Stern Zum Beschluss des OVG Münster (12 A 4697/06 vom 27.11.2007)

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Schwerpunktthema: Aus der Geschichte lernen?

In diesem Heft geht es um das Lernen aus der Geschichte für die Ausrichtung der Heimerziehung heute. Schon in der IGfH-Studie der Arbeitsgruppe Heimreform (2000: 13) zur Analyse der Heimreform in Hessen (1968-1983) wurde der Ertrag solcher Lernformen skizziert: "Zum anderen konnte bisher noch keine (positive) sozialpädagogische Standortbestimmung von Heimerziehung erreicht werden. Eine solche wird sich immer auch auf ihre geschichtlichen Traditionen beziehen müssen".

Die Nachkriegsgeschichte der westdeutschen und ostdeutschen Heimerziehung ist eng mit der Verwahrung, Disziplinierung und Kasernierung verbunden. Fürsorgeerziehungsheime im Westen waren in der Regel große Einrichtungen, oft in ländlicher Abgeschiedenheit und zumeist mit durchgeregeltenTagesabläufen, ausdifferenzierten Strafsystemen und autoritären Erziehungskonzeptionen. In der ehemaligen DDR gab es stark altersgegliederte, an Schulformen orientierte so genannte Normal- und Spezialheime und die Werkhöfe, die mit einer engen kollektiven Selbst- und Fremddisziplinierung verbunden waren. Die Betroffenen der Heimerziehung in der Mitte des letzten Jahrhunderts haben sich - auch angeregt durch ein SPIEGEL-Buch (vgl. Interview mit Peter Wensierski in diesem Heft) - in letzter Zeit deutlich zu Wort gemeldet, eigene Vereine gegründet, sind wie jüngst Ende Januar 2008 im Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages aufgetreten. Sie fordern kollektive und individuelle Aufarbeitung, die rentenversicherungsrechtliche Behandlung der Arbeitszeiten in den Heimen, gemeinsame Lösungen für Entschädigungen oder einfach Zeit zum Zuhören innerhalb und außerhalb der ehemaligen Einrichtungen.

Sicher, vieles hat sich in den letzten zwanzig Jahren zum Guten verändert - durch das Kinder- und Jugendhilfegesetz und durch Praxisentwicklungen sowie engagierte ReformerInnen. Aber die Geschichte der Heimerziehung verläuft nicht selbstverständlich als gradlinige Fortschrittsgeschichte vom finsteren Waisenhaus des Mittelalters über die Armen- und Arbeitshäuser zu den Anstalten der 50er Jahre bis hin zur strahlenden Jugendhilfestation der Moderne. Da ist aktuell die Rede vom Ende der "Kuschelpädagogik", Erziehungscamps mit Elementen, die stark an die ost-und westdeutsche Anstaltserziehung erinnern (vgl. dazu auch Thieme/Bochow in diesem Heft), die immer wieder aufflammende Debatte um die offenen und verdeckten Formen der geschlossenen Unterbringung und ihre wechselnden Legitimationsfolien, das Herausholen von Zwangselementen aus ihrer "defensiven Unvermeidbarkeit" (vgl. Struck in diesem Heft) zeugen von einer immer wieder neu herzustellenden Sensibilisierung und einer Diskursnotwendigkeit. Beiträge dieses Heftes von ehemaligenHeimbewohnerInnen weisen interessanterweise immer auch auf diese aktuellen Bezüge hin (VEH, Thieme, Bochow).

Im vorliegenden Heft beschreibt aber zunächst Manfred Kappeler ausgehend von Goffmans Analyse Totaler Institutionen den Beitrag der Heimerziehung der BRD und der DDR bis zur Wiedervereinigung als analoge Organisationsformen fremdbestimmender, repressiver Anstalten. Elke Meister schildert uns als ehemalige Heimbewohnerin ihre Wiederbegegnung mit dem Heim, in dem sie zusammen mit ihrer Schwester große Teile ihrer Kindheit und Jugend verbracht hat. Anschließend wird aus der Selbstbeschreibung des Verein ehemaliger Heimkinder (VEH) nochmals deutlich, wie wichtig solche Betroffenen-Zusammenschlüsse sind, die auch politische und fachliche Unterstützung suchen. Ein Beispiel dafür, wie sich Betroffenen-Zusammenschlüsse ehemaliger Heimkinder auch in aktuelle Fragen einbringen, schildern Juliane Thieme und Maria Bochow, indem sie von einer öffentlichkeitswirksamen Kampagne von Betroffenen aus dem Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau gegen die Erziehungsmethoden des "Boxcamps Kannenberg" berichten. Peter Wensierski, SPIEGEL-Autor, berichtet anschließend im Gespräch über Hintergründe seines Buches "Schläge im Namendes Herrn" und aktuelle Bezüge. Schließlich versucht Norbert Struck demmöglichen Lernen aus der Geschichte eine konkretere Kontur zu geben, indem er nach Rückschlüssen für eine Qualität heutiger Heimerziehung fragt.

Nach der Lektüre der Beiträge in dieser und in anderen Zeitschriften muss man fragen, wann und wo das Grundrecht auf die Erziehung in Freiheit eingeführt und eingeklagt wird - auch und gerade anlässlich aller Debatten um den Einbezug der Kinderrechte in die Verfassung.

Josef Koch

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