ForE 5-2014 Mädchenarbeit neu im Fokus

Aus dem Inhalt

Hans-Ulrich Weth
Bundesverfassungsgericht rettet Hartz IV – Hausaufgaben für den Gesetzgeber

Linda Kagerbauer, Nicole Lormes
Entwicklungslinien feministischer Mädchen_arbeit

Sandra Fendrich
Mädchen in den Hilfen zur Erziehung und den Inobhutnahmen – aktuelle statistische Auswertungen

Hannelore Häbel
§ 9 Nr. 3 SGB VIII – eine (fast) vergessene Vorschrift

Nicole von Langsdorff
Mädchen auf ihrem Weg in die Jugendhilfe – Überwindung von Zugangsbarrieren

Silke Heiland
Krisenbewältigung von Mädchen – Die Bedeutung sozialer Netzwerke und bewältigungsorientierter Begleitung des Übergangs

Nicole Knuth, Maren Zeller
Wie wichtig ist Bildung bzw. Schulerfolg für Heimkinder? Bericht von einem deutsch-kanadischen Austausch

Matthias Hamberger
Sexuelle Bildung – ganz bewusst und praktisch. Erfahrungen mit einem Inhouse-Projekt in einer Einrichtung für Erziehungshilfe

Georg Landenberger
Bericht über den Fachtag „Erfahrungen austauschen – Dialog fördern“ mit ehemaligen Jugendlichen aus den Jugendhilfeeinrichtungen der Haasenburg GmbH

Hannelore Häbel
Rückkehroption von Pflegekindern in die Herkunftsfamilie - am Beispiel einer Familienrechtssache

 

Mädchenarbeit neu im Fokus

Die Legitimation von Mädchenarbeit steht regelmäßig auf dem Prüfstand, wenn sie nicht schlichtweg ignoriert wird. Jugendhilfepraxis und aktuelle Studien zeigen, dass Mädchen und junge Frauen nach wie vor individuelle und strukturell geprägte Benachteiligungserfahrungen machen und in besonderem Maße auch hierarchie- und machtgestützter männlicher/ familialer Gewalt ausgesetzt sind. Trotz grundsätzlich besserer Bildungsabschlüsse ist für Mädchen/junge Frauen Chancengleichheit beim Übergang in Beruf und Berufsausbildung häufig nicht gegeben, bleibt die Lösung der Frage der Vereinbarkeit von Beruf und Familie eine grundsätzlich ihnen zugeschriebene Verantwortung.  

Auch heute noch sind – trotz einiger Angleichung – die Bewältigungsmuster von Mädchen und Jungen in der Regel unterschiedlich, gilt die Aussage, dass die der Mädchen eher nach „innen“ und die der Jungen eher nach „außen“ gerichtet sind. Mädchen reagieren eher unsichtbar, selbstverletzend und verbleiben im privaten/familialen Raum, während Jungen eher riskantes, aggressives Verhalten zeigen, das öffentlich wahrnehmbar ist. Mädchen und Frauen reagieren auf Konflikte und gesellschaftliche Zumutungen – ganz wie das herrschende (neoliberale) Gesellschaftsverständnis von Individualisierung der Lebensentwürfe es ihnen abverlangt –  mit privatisierter Lösung der Probleme und Ausblendung der Machtverhältnisse (Konstrukt des „geschlechtshierarchischen Verdeckungszusammenhangs“). Das Muster stützt die in der Gesellschaft weit verbreitete Auffassung, Chancengleichheit der Geschlechter sei mittlerweile eingelöst.

Trotz der mit Inkrafttreten des Kinder- und Jugendhilfegesetzes 1991 eingeführten verbindlichen Vorschrift zur Förderung von Chancengleichheit und  Geschlechtergerechtigkeit in der Jugendhilfe (§ 9 Nr. 3 SGB VIII) sind ein flächendeckender Ausbau geschlechtsspezifischer Angebote für Mädchen (und Jungen) nicht erfolgt und die geschlechtsbezogene Perspektive im Hilfeprozess eher wenig beachtet, sogar rückläufig.  Mädchen sind in den Hilfen zur Erziehung und Inobhutnahmen unterrepräsentiert und kommen dort erst relativ spät – und meist als Selbstmelderinnen –  an. Dem immer wieder konstatierten Umsetzungsdefizit von Mädchen- bzw. geschlechtersensibler Arbeit in der Jugendhilfe zu begegnen,  bedarf es nicht zuletzt nachhaltiger Aufklärung und Entwicklung von Genderkompetenz und -wissen bei den Fachkräften. Mädchenarbeit ist immer wieder neu in den Fokus der Handelnden zu stellen. Im vorliegenden Heft werden die aktuellen Diskussionsstränge der Geschlechterdebatte vorgestellt. Neuere Praxisforschungsergebnisse lenken den Blick z.B. auf die Krisenbewältigung von Mädchen und ihre Zugangswege in die Hilfen zur Erziehung. Sie dokumentieren den breiten Bedarf an gendersensiblen Aufmerksamkeitsstrukturen in der Jugendhilfe.

Der Beitrag von Linda Kagerbauer und Nicole Lormes  beschreibt zunächst die „Gründer_innenjahre“ der Mädchenarbeit. Anschließend problematisieren sie – mit Rückgriff auf die theoretische Folie des „Verdeckungszusammenhangs“ – die Logik neoliberaler Zumutungen,  wonach die „Lösung“ gesellschaftlicher bzw. strukturell verursachter  Konfliktverhältnisse den Subjekten – hier den Mädchen – zugeschoben wird. Davon ausgehend verdeutlichen sie die Relevanzen einer feministischen, intersektional informierten Mädchenarbeit im Kontext der Jugendhilfe.

Anschließend belegt Sandra Fendrich anhand von Auswertungen der Kinder- und Jugendhilfestatistik, dass Mädchen in den Hilfen zur Erziehung und grundsätzlich auch in den Inobhutnahmen unterrepräsentiert sind. Eine Entwicklung, die seit Jahren nahezu unverändert geblieben ist.  

Nicole von Langsdorff zeigt unterschiedliche Zugangswege von Mädchen in die Hilfe zur Erziehung auf. Sie filtert drei Arten von Zugangsbarrieren heraus und macht deutlich, dass die Kategorie Geschlecht heute nicht mehr losgelöst von anderen Differenzkategorien gesehen werden kann.

Silke Heilands Beitrag befasst sich mit der Krisenbewältigung von Mädchen und der Bedeutung und Funktion ihres individuellen sozialen Netzwerks in dem Kontext. Sie skizziert die Notwendigkeit einer „bewältigungsorientierten“ Begleitung des Übergangs in die Hilfe zur Erziehung.

Diana Düring, Hannelore Häbel

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