ForE 2-2017 Der Capabilities Approach: Gerechtigkeit als Perspektive in den HzE

Aus dem Inhalt

Norbert Struck: Der 27. Januar – ein Gedenktag für die Soziale Arbeit

Hans-Uwe Otto: Gerechtigkeit als Perspektive in den HzE

Valentin Kannnicht: Der Capabilities Approach als Handlungsmodell im Allgemeinen Sozialen Dienst? Reflexionsaspekte für die Fallarbeit von ASD-Fachkräften

Kristin Teuber: Der Capability Approach als Perspektive in stationären Hilfen – Heimerziehung als Befähigung

Andreas Polutta: Wirkungsforschung zu erzieherischen Hilfen entlang der Capabilities Perspektive. Eine rück- und ausblickende Notiz

Benedikt Hopmann, Holger Ziegler: Der Capabilities-Ansatz als Inklusionsperspektive für die SGB VIII-Reform

Christiane Kluge: Griechenland aus Frauensicht – Studienfahrt der IGfH-Fachgruppe Mädchen und Frauen nach Thessaloniki

Andrea Dittmann, Manuel Theile: Fachkräfte(-mangel) in der stationären Erziehungshilfe?! – Personalgewinnung und -bindung

Norbert Struck, Josef Koch: Das Bundesteilhabegesetz und die Kinder- und Jugendhilfe
 

Der Capabilities Approach: Gerechtigkeit als Perspektive in den HzE

Der Capabilities Approach (C.A.) oder Befähigungsansatz ist ein gerechtigkeitstheoretischer Ansatz. Das begriffliche Grundgerüst wurde zunächst i. W. durch den Ökonom Amartya Sen entwickelt. In Abgrenzung zu anderen Ansätzen der Wohlstandsmessung stellt der C.A. die zur Verfügung stehenden materiellen Ressourcen in Zusammenhang mit den tatsächlichen erreichbaren Möglichkeiten einer selbstbestimmten Lebensweise. Die Philosophin Martha Nussbaum knüpfte daran an und erarbeitete eine Liste von „central capabilities“, die sie als tatsächlich erreichbare Möglichkeiten eines guten menschlichen Lebens bestimmt, die für jede/n zugänglich sein sollten. Insbesondere für die Erziehungshilfen eröffnet der Ansatz konkrete Verständigungsmöglichkeiten darüber, wie professionell erbrachte Hilfeleistungen dazu beitragen (können) die Handlungsfreiheiten im Leben der Hilfeadressat_innen zu erhöhen. Es geht somit auch um die Frage wie individuelle Optionen auf ein gutes Leben – und damit Zielrichtungen von Hilfen und Unterstützungsmöglichkeiten (normativ) begründet und somit legitimiert werden können. Die sozialstaatliche Verpflichtung, die notwendigen materiellen, institutionellen und pädagogischen Bedingungen bereitzuhalten, damit alle Menschen Zugang zu einer aus guten Gründen geschätzten Lebensweise bei gleichzeitiger Achtung der individuellen Freiheit haben, kann dabei als zentraler Reflexionsmaßstab sowohl der Erziehungshilfen wie auch der dahinterliegenden Sozialpolitik fungieren.

Der Capabilities Approach lädt, wenn wir Hans-Uwe Ottos einleitenden Beitrag folgen wollen, dazu ein, altbekannte Gerechtigkeitsfragen im System öffentlich verwalteter Erziehung neu zu diskutieren und dabei insbesondere die Frage an das professionelle Selbstverständnis der Profession und ihrer Akteure aufzuwerfen. Valentin Kannicht beschäftigt sich mit der Frage, ob und wie der C.A. Anlässe zur Praxisreflexion für das Agieren von ASD-Fachkräften bieten kann. Der praktische Orientierungswert, der über den Bezug auf einen Gerechtigkeitsanspruch hergestellt werden kann – so die zentrale These –, bestehe darin, den Ungewissheiten im Prozess der Fallarbeit durch eine zugleich pädagogische wie politische Reflexion der Wirkungen des professionellen Hilfesystems auf individuelle Handlungsfreiheiten zu begegnen. Kristin Teuber dokumentiert Ergebnisse aus einem aktuellen Forschungsprojekt zur „Verwirklichungschance SOS-Kinderdorf“. Sie betont die Anschlussfähigkeit der Capabilities-Perspektive an beteiligungsorientierte Konzepte und argumentiert, dass Capabilities oder Verwirklichungschancen nicht per se gut oder schlecht sind. Vielmehr komme es gerade in der Arbeit mit sich in der Entwicklung befindenden Jugendlichen darauf an, Optionen zu eröffnen, die ihnen das Erleben von Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeit ermöglichen. Andreas Polutta weist Potenziale der Capabilities-Perspektive in der Wirkungsforschung aus. Mit Blick auf die Erfahrungen aus dem Bundesmodellprojekt „Wirkungsorientierte Jugendhilfe“ (BMFSFJ 2006-2009) entwickelt er „rück- und ausblickend“ die These, dass der C.A. insbesondere durch eine Konkretisierung der Dimensionen eines für jeden Menschen möglichen guten Lebens auch Anhaltspunkte in der Wirkungsforschung bietet, die stärker an die Prozesslogik professionell erbrachter Hilfeleistungen im Bereich der HzE anschlussfähig sind. Damit erfolgt eine Orientierung an einem sozialpädagogischen Wirkungsverständnis, welches sich abhebt von einer ‒ nach wie vor im Trend liegenden ‒ Ausrichtung an Qualitätsmessverfahren, die ökonomischen Kontexten und Logiken entlehnt werden.

Mit der Positionierung bzw. Rückbindung des C.A. an eine kritische Soziale Arbeit im Kontext der sogenannten „großen Lösung“ in einer möglichen SGB VIII Reform beschließen Benedikt Hopmann und Holger Ziegler den Themenschwerpunkt. Sie formulieren ein sozialpädagogisches Inklusionsverständnis und stellen dieses der Tendenz entgegen, Teilhabechancen individualisiert zu konzeptionieren, da solcherart die Frage nach den gesellschaftlichen und sozialen Voraussetzungen aufgegeben werden würde.

Diana Düring, Valentin Kannicht

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