ForE 4-2019 Zwang, Anpassung, Unterwerfung - Einsprüche und Widersprüche

Aus dem Inhalt

Junge Menschen aus dem Projekt „Muskepeer“ in Zusammenarbeit mit dem Kinder- und Jugendhilferechtsverein e.V.: Offener Brief von jungen Menschen an die Fachkräfte aus Psychiatrie und Jugendhilfe

Micha Brumlik: Zwang in der Erziehung? Immanuel Kant als Kronzeuge?

Michael Lindenberg, Tilman Lutz: Zwang und Erziehung. Über Wirrungen und Irrungen in der Sozialen Arbeit

Renzo-Rafael, Martinez: „Und am Ende waren wir nichts anderes als funktionierende Maschinen …“

Veronika Magyar-Haas: Beschämende Aspekte verhaltenstherapeutischer Stufenpläne

Nicole Rosenbauer, Ulrike von Wölfel: ‚Wohltätiger Zwang?‘
Ein Blick in die Stellungnahme „Hilfe durch Zwang?“ des Deutschen Ethikrates und die Anhörung zur Kinder- und Jugendhilfe       

Hannelore Häbel: Zur Bedeutung der Einführung einer gerichtlichen Genehmigung für Zwangsmaßnahmen für die Kinder- und Jugendhilfe

Josef Koch: Möglichkeiten und Grenzen ambulanter Hilfen für Kinder, Jugendliche und Familien – die Situation in den Niederlanden

Andreas Matzner: ASD-Arbeit und die Effekte ihrer Rahmenbedingungen ‒ Aktuelle Entwicklungen im Jugendamt

Kay Biesel: Wachsam sorgen und helfen: darauf kommt es im Kinderschutz an, auch und insbesondere mit Mitteln der Kinder- und Jugendhilfe!

Juliane Meinhold: Durchschnittliches Monatseinkommen aus dem vorangegangenen Kalenderjahr als Berechnungsgrundlage zur Kostenheranziehung junger Menschen vom OVG Bautzen bestätigt

 

Mit dem Heft richten wir einen kritischen Blick auf den zur (vermeintlichen) Entwicklungsförderung von Kindern eingesetzten Zwang in (stationären) Erziehungshilfen. Kritisch bedeutet für uns, solche Begründungszusammenhänge aufzuzeigen, die die Unzulässigkeit von auf Anpassung und Unterwerfung gerichtete Zwangsmaßnahmen oder sogen. pädagogische Zwangselemente nachvollziehbar machen. Grundlegend gehen wir davon aus, dass solcher Zwang Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen (bewusst) ignoriert und damit Erfahrungen mit und in ‚Hilfen‘ prägt, die Missachtung, Grenzverletzungen und nicht zuletzt Gewalt beinhalten.

Der Fokus der Beiträge liegt dabei grundsätzlich nicht auf Geschlossener Unterbringung (GU), zumal deren Zwangscharakter auch von ‚skeptischen Befürworter*innen‘ nicht bezweifelt wird. Vielmehr stehen die Maßnahmen, Techniken und Regularien/ Konzeptionen im Zentrum, die im pädagogischen Alltag mehr oder weniger subtil auf Disziplinierung und Anpassung an gegebene Ordnungsmuster und Verhaltensregulierung – wie bspw. Stufen- und Phasenmodelle – abzielen. Und die häufig jedoch gerade nicht als Zwangsmaßnahmen thematisiert werden. Für die davon betroffenen Kinder und Jugendlichen bedeuten sie, dass sie mit ihrem ‚Eintritt‘ in Institutionen der Erziehungshilfe bzw. Hilfeprozesse Teilnehmer*innen von Situationen werden, die ihre Rolle/ihr Handlungsrepertoire zurichtet und eine erwartete ‚Eingangs- und Ausgangsrolle‘ festlegt.

Die einzelnen Beiträge fokussieren unterschiedliche Bereiche.

Micha Brumlik skizziert zunächst die vergangenen Debatten um Zwang und stellt die Frage, ob – wie es immer wieder geschieht – der Klassiker der Aufklärung und Verfechter von Autonomie und Würde, Immanuel Kant, als „Kronzeuge“ für die Anwendung von Zwang in der Erziehung herangezogen werden kann.

Michael Lindenberg und Tilmann Lutz problematisieren eingangs den Zwangsbegriff. Sie nehmen eine begriffliche Klärung vor und differenzieren u.a. zwischen engem und weitem Zwang. Sie zeigen auf, dass Formen des engen Zwangs, dem sie auf Anpassung setzende Erziehungsmaßnahmen zuordnen, in Fachdebatte und Praxis durch Umdeutung verharmlost und für legitim erklärt werden.

Der Beitrag von Renzo-Rafael Martinez beschreibt eindrücklich, wie es sich anfühlt, solchen Zwangsmaßnahmen ausgeliefert zu sein, aber auch wie die damit verbundene Abwertung von Bedürfnissen und die Aberkennung von grundlegenden Rechten weit über die konkreten Situationen hinaus wirken und in das Selbstbild der Kinder und Jugendlichen übernommen werden. Obgleich der Erfahrungsbericht sich auf die Zeit des Autors in einer geschlossenen Jugendhilfeeinrichtung bezieht, stehen die beschriebenen Erlebnisse nicht nur exemplarisch für GU, sondern verdeutlichen generell die Auswirkungen von Zwang und Disziplinierung in der Erziehung.

Veronika Magyar-Haas zeigt, wie – als verhaltenstherapeutisch ausgewiesene – Stufenpläne, die mit Belohnungs- und Bestrafungssystemen arbeiten, systematisch Scham und Beschämung evozieren (können). Mit Blick auf die Adressat*innen geht sie insbesondere auf den Zusammenhang von erzwungener, permanenter Selbsteinschätzung und Fixierung von Personen auf ein bestimmtes So-sein-müssen ein; betrachtet aber auch die beschriebenen Systeme hinsichtlich ihrer beschämenden Potenziale Fachkräften gegenüber.

Nicole Rosenbauer und Ulrike von Wölfel setzen sich kritisch mit der 2018 erschienenen Stellungnahme des Deutschen Ethikrates zu Zwang (u.a.) in der Kinder- und Jugendhilfe auseinander, den er z.T. unter dem (euphemistischen) Label „wohltätiger Zwang“ diskutiert. Sie decken u. a. Widersprüchlichkeiten der Stellungnahme auf, benennen aber auch, was sie Positives für die Debatte um Zwang in den erzieherischen Hilfen gebracht hat.

Hannelore Häbel setzt Zwangsmaßnahmen in Bezug zum Recht des Kindes auf gewaltfreie Erziehung. Sie zeigt die Reichweite dieses Rechts auf, macht deutlich, dass es Grenzsetzung jeglicher Erziehung (damit auch aller pädagogischen Konzepte/Handlungen in der Hilfe zur Erziehung) ist und erläutert, wann Zwang mit unzulässiger Gewalt gleichzusetzen ist.

Diana Düring, Hannelore Häbel

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