ForE 1/01 Kinderrechte - Profimacht: Kompetenzen für mehr Beteiligung

Aus dem Inhalt

Norbert Struc:k
Gehen der Jugendhilfe die Jugendlichen aus?

Klaus Wolf:
Profimacht und Respekt vor Kinderrechten

Peter Hansbauer:
Partizipative Strukturen und eine Kultur der Partizipation in der Heimerziehung

Maria Bitzan:
Aufdeckende Beteiligung - eine politische Handlungskompetenz

(nicht nur) der Mädchenarbeit­

Martina Kriener:
Zum Verhältnis von Kinderrechten und Profimacht im Heimalltag – Wahrnehmungen von Kindern und Jugendlichen

Petra Walta:
Bericht von einem Beteiligungsseminar

Kristina Müller:
Kinder und Jugendliche auf der Straße - ein Überblick über die Situation in Dakar / Senegal

Christine Swientek:
„Babyklappen“ ‑ und anonyme Geburt

Jürgen Blandow, Michael Walter:
Großeltern und Jugendhilfe - Ein Versuch, Interesse zu wecken

Markus Sommer:
Partizipation in der Jugendhilfeplanung - Ergebnisse der Untersuchung eines Planungsprozesses

 

Schwerpunktthema: Kinderrechte - Profimacht: Kompetenzen für mehr Beteiligung

Die Kinderrechte-Bewegung befindet sich nach meinem Eindruck gegenwärtig in einer schwierigen Phase, wenn nicht sogar in einer Krise. Zwar sind die Fachkräfte in den Erziehungshilfen zwischenzeitlich „grundsätzlich“ sensibilisiert für das Thema. Die UN-Konvention über die Rechte des Kindes (incl. des wichtigen Wirkens der National Coalition), die Beteiligungsvorgaben des KJHG und die Aktivitäten von Fachverbänden und „Kinder haben Rechte“-Vereinen haben Wirkung gezeigt: Es gibt jugendgerechte Beratungsführer, Fortbildungen und Beteiligungsseminare (siehe hierzu S. 28), man kennt Methoden, wie junge Menschen im Prozess der Hilfeplanung und im Alltag von Jugendhilfeeinrichtungen besser beteiligt, mehr zu Wort kommen können.

Bislang ist es allerdings bei vereinzelten Initiativen engagierter PädagogInnen geblieben, denen teilweise auch noch Blauäugigkeit und bloß symbolisches Handeln vorgeworfen wird. Auch machen viele Jugendliche nicht mit, wollen sich trotz vorhandener Mitbestimmungsinstitutionen nicht beteiligen. Das hat zahlreiche Gründe, von denen wir in dieser Ausgabe lediglich einen uns zentral erscheinenden herausgreifen und genauer diskutieren wollen: das heikle Verhältnis zwischen Kinderrechten und faktischen Machtverhältnissen in Jugendhilfeeinrichtungen.

Junge Menschen haben nämlich - das wird im Beitrag von Martina Kriener sehr deutlich - ein feines Gespür dafür, mit wie viel (bzw. mit wie wenig) Einflussmöglichkeiten ein von PädagogInnen „zugestandenes“ Mitbestimmungsgremium ausgestattet ist, wie ernst die PädagogInnen es mit einem meinen. Freilich ergeben sich aus der Auseinandersetzung mit der Frage, was „Macht“ überhaupt und speziell in pädagogischen Beziehungen bedeutet, welche Konsequenzen es haben kann, Macht abzugeben, bemerkenswerte Differenzierungen: Macht, verstanden im Sinne Norbert Elias‘ als Ergebnis ungleicher Abhängigkeit, ist für pädagogische Beziehungen geradezu konstitutiv. Ein wirkliches Ernstnehmen von Jugendlichen, eine pädagogisch wünschenswerte „exklusive Beziehung“ steigert die Abhängigkeit, erhöht also die Macht (= den Einfluss) des/der ErzieherIn. Die (grundsätzlich wünschenswerte) Abgabe von Macht kann eben auch die Abgabe von Verantwortung für anvertraute Kinder bedeuten. In den beiden ersten Beiträgen von Klaus Wolf und Peter Hansbauer wird diese Debatte  mit unterschiedlichen Nuancierungen und durchaus irritierenden Ergebnissen geführt. Mit Partizipation z.B. im Heim ernst zu machen, würde bedeuten, dass PädagogInnen ihren strukturell vorhandenen Machtvorsprung im Rahmen von Demokratisierungsprozessen abgeben müssten - somit aber konsequent gedacht auch ihren pädagogischen Einfluss (vgl. hierzu auch die lesenswerten Ausführungen Michael Winklers in der Neuen Sammlung Heft 2/2000: „Diesseits der Macht. Partizipation in ‚Hilfen zur Erziehung‘“).

Diese Befunde sollen nun gerade nicht dazu führen, die Partizipationsdebatte zu beenden, sondern im Gegenteil sollte die Zunft nach einer ersten Phase allgemeiner Sensibilisierung für das Thema nun in eine differenzierte pädagogische Debatte einsteigen. Denn eine „mehr Partizipation wagende“ Erziehungshilfe (Hansbauer/Kriener) braucht vielleicht weniger formelle Mitbestimmungsstrukturen als vielmehr Fachkräfte, die das „Spiel“ von Macht, Abhängigkeit und Rechten verantwortungsbewusst und mit Respekt gegenüber den jungen Leuten reflektieren können.  Maria Bitzan erläutert am Beispiel der Mädchenarbeit, welche hermeneutischen und politisch-strategischen Kompetenzen hierfür erforderlich sind.

Besonders hinweisen möchte ich noch auf den spannenden Beitrag von Jürgen Blandow und Michael Walter über Verwandtenpflege (ab S. 52). Die beiden Bremer Kollegen wollen zu diesem Thema forschen und bitten die LeserInnenschaft des „Forum Erziehungshilfen“, ggf. vorliegende Erfahrungen über Großeltern-/Verwandtenpflegeverhältnisse mitzuteilen.

Wolfgang Trede

Verwandte Inhalte: 

2003: Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter, IGFH (Hrsg.): Rechte haben – Recht kriegen. Ein Ratgeber nicht nur für Jungen und Mädchen in der Jugendhilfe. Weinheim und Basel. 2. Auflage.

Der vorliegende Ratgeber wurde von Experten der Internationalen Gesellschaft für erzieherische Hilfen (IGfH) und einer Gruppe Jugendlicher aus verschiedenen Heimen geschrieben. Er richtet sich in erster Linie an Jugendliche, ist aber auch für sozialpädagogische Fachkräfte, Eltern und interessierte Laien eine Fundgrube.

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